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Die Legende von der Heiligen Katharina

Täglich begegnen Schüler, Lehrer und Besucher des Katharineums bildlichen Darstellungen eines Schwerts vor dem Hintergrund eines Rades: sie schmücken die Schul-Sweatshirts ebenso wie die kleinen Gitterpforten des Vorderhofes, die Verbindungsmauer zwischen der Kirche und dem Hauptgebäude an der Königstraße ebenso wie das alte Schulsiegel. Es handelt sich dabei um die Marterwerkzeuge der Katharina von Alexandria, der Namenspatronin des früheren Franziskanerklosters und ältesten Lübecker Gymnasiums.

Die Märtyrerin selbst mit ihren Symbolen ist zweimal im Bereich der Kirche dargestellt: als metallene Wetterfahne auf dem Westgiebel und als Wandmalerei in einer Kreuzigungsszene an der Südseite des Unterchors; innerhalb der Schule in einem kleinen, etwas verwitterten Relief, das heute auf dem Gang zur Aula angebracht ist und von dem eine Replik im Südflügel des großen Kreuzgangs existiert.
Nahezu alles, was wir über die Gestalt der Katharina von Alexandria wissen, gehört in den Bereich der Legende und läßt sich streng historisch kaum beweisen. Die älteste ausführlichere Nachricht - in altgriechischer Prosa - ist inhaltlich recht karg und findet sich in einer um das Jahr 1000 entstandenen Sammlung von Heiligenlegenden der byzantinischen Kirche, dem Menologium des Kaisers Basilius. Danach ist Aikaterina, wie sie dort heißt, die Tochter eines reichen und berühmten Königs von Alexandria und ebenso schön wie gelehrt. Während eines Festes, das der Kaiser Maximin (305-313) für die Götter gibt, trauert Aikaterina und wirft dem Herrscher vor, unbelebten Götzen statt dem lebendigen Gott zu dienen. (Sie ist also bereits Christin, ohne dass dies mit einem Wort erwähnt wird!) Maximin widerspricht und beauftragt 50 Gelehrte, die Jungfrau in einem Streitgespräch von ihrer Meinung abzubringen. Obwohl der Kaiser ihnen, falls sie unterliegen, den Feuertod androht, gelingt es ihnen nicht, Aikaterina zu überzeugen. Im Gegenteil: bevor sie in den Tod gehen, lassen sie sich taufen. Aikaterina wird enthauptet, ihr Todestag mit dem 25.11. (307) angegeben.

Diese Legende taucht im 11. Jahrhundert, teilweise inhaltlich stark variiert und erweitert, zunächst in zahlreichen anderen griechischen und dann auch lateinischen Fassungen auf. Vom 12. Jahrhundert an findet sie in den Nationalsprachen, vor allem in Englisch, Französisch, Deutsch (auch niederdeutsche Fassungen sind überliefert) eine noch weitere Verbreitung über ganz Europa. Neben die ursprünglichen Prosadarstellungen treten Verse, ja Theaterstücke.

Aus der großen Fülle des inzwischen vorliegenden Materials schöpft um die Mitte des 13. Jahrhunderts der spätere Erzbischof von Genua, Jacobus de Voragine, seine lateinisch abgefasste Version der Katharinenlegende und reiht sie in die umfangreiche Legenda Aurea ein, der seither eine außerordentlich weit reichende Nachwirkung beschieden ist. Gegenüber dem Menologium ist die Erzählung jetzt wesentlich länger und enthält zahlreiche aufschlussreiche Details.

Der Name der Heiligen wird etymologisch zu erklären versucht als "Einsturz der Gebäude des Teufels" aus griechisch katha = gänzlich und lateinisch ruina = Sturz. Das Psalmwort (24,3-4) vom Schuldlosen, der zum Berg des Herrn aufsteigt, wird auf Katharina gedeutet.

Der Name ihres Vaters ist bekannt: Costus. Ob es sich dagegen bei dem Kaiser, unter dem die achtzehnjährige Jungfrau das Martyrium erleidet, um Maxentius (306-312) oder Maximin handelt, läßt Jacobus offen. Jedenfalls ist der Herrscher mehrfach erstaunt über Katharinas Weisheit und Schönheit und wirbt um sie, ja bittet sie schließlich sogar darum, seine Gemahlin zu werden. Die bewusste Christin lehnt dies ab, weil sie bereits die Braut Christi sei. Die Argumentation aller handelnden Personen wird in ausführlicher direkter Rede und Gegenrede gegeben. Katharina führt als Kronzeugen für das Christentum Platon und die Sibylle an. Sie spricht den Gelehrten und später der Kaiserin vor ihrer Hinrichtung geistlichen Trost zu. Der erboste Kaiser lässt Katharina geißeln und 12 Tage ohne Nahrung einkerkern. Aber eine weiße Taube ernährt sie mit geistlicher Speise, und Engel salben ihre Wunden. Die Kaiserin empfindet Mitleid mit der Gefangenen und besucht sie zusammen mit dem Kerkermeister Porphyrius. Unter dem Eindruck von Katharinas Predigt bekehren sich beide und dazu 200 Ritter zum Christentum. Der Kaiser lässt sie alle grausam martern und enthaupten. Katharina als Urheberin soll durch 4 mit Messern und Nägeln besetzte Räder, die sich in geringem Abstand gegeneinander bewegen, gefoltert und getötet werden. Doch Gott zerstört auf der Heiligen Bitte die Räder, erschlägt die Henker und etliche tausend Heiden. Schließlich befiehlt der Kaiser, Katharina zu enthaupten. Aus der tödlichen Wunde fließt Milch statt Blut. Engel tragen den Leichnam auf den Berg Sinai und bestatten ihn dort. Seither gehen wundersame Wirkungen von ihm aus. Seit dem 6. Jahrhundert steht an der Stelle, wo Katharina begraben wurde, ein Kloster.

Weshalb die Franziskaner ihr 1225 in Lübeck gegründetes Kloster Katharina weihten, lässt sich nicht sagen. Fest steht lediglich, dass sie während des ganzen Mittelalters, vor allem in den Städten, eine der volkstülichsten Heiligen überhaupt war, vielleicht weil etliche ganz verschiedene Berufsgruppen sie als ihre Patronin verehrten. Zu Spinnerinnen, Wagnern und Müllern war die Beziehung durch die Räder gegeben, mit denen die Heilige zunächst getötet werden sollte, und die - freilich in ganz anderer Form - in den drei Berufen eine wichtige Rolle spielten. Ähnlich steht es mit dem Patronat für Scherenschleifer, Barbiere und Chirurgen, bei denen das zweite Marterwerkzeug, das Schwert, abgewandelt als Berufsinstrument wieder auftaucht. Schließlich führt Katharinas Sieg in der Disputation mit den 50 Gelehrten dazu, dass zunächst die Pariser Universität, insbesondere die philosophische Fakultät, später aber auch andere Hochschulen und Bibliotheken sie als Schutzherrin in Anspruch nehmen. Damit wird sie zugleich Patronin der Professoren und Studenten, der Lehrer und Schüler. Wie sinnvoll ist es unter diesem Aspekt, dass die Reformation bei der Gründung unseres Gymnasiums Katharinas Namen nicht getilgt hat. Möge die Heilige, unter deren symbolischem Schutz die Schule Jahrhunderte mit vielen Höhepunkten, aber auch manchen Krisen überdauert hat, dem Katharineum und allen, die an ihm lehren, lernen und arbeiten, auch für die Zukunft gewogen bleiben. (Dr. Herbert Plöger)