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Aus der Geschichte der Schule

Eine durchgehende "Geschichte des Katharineums" gibt es bislang nicht. Die meiste Zeit seines Bestehens war es ein Kloster bzw. eine Bildungsanstalt, in der Mönche, Lehrer und Schüler ihrer Arbeit nachgingen, ohne dass es einen Anlass gegeben hätte, die Alltäglichkeiten für die Nachwelt festzuhalten. Nur gelegentlich zog ein Ereignis oder eine Person die Aufmerksamkeit der Chronisten auf sich. Solche Momente verdichteten Interesses an unserem Haus sind hier zusammengestellt. Der Artikel ergänzt und überschneidet sich mit dem Abriss über die Bau- und Nutzungsgeschichte (Ordner "Das historische Schulgebäude"). Die wichtigsten zusammenfassenden Artikel zur Geschichte des Katharineums finden sich in den Festschriften von 1931 und 1981 und in Jan Zimmermanns Buch "Ein ansehnliches Gymnasium..." von 1993. Wer noch mehr und Genaueres wissen will, findet hier ein Literaturverzeichnis. Un hier könnt Se dat aal ook op Plattdüütsch lesen.

 

FRANZ VON ASSISI UND DIE FRANZISKANER

Der Heilige Franziskus lebte von 1182 bis 1226. Er war Sohn eines Kaufmanns im italienischen Assisi. Nach einem Bekehrungserlebnis führte er ein Leben in selbstgewählter Armut, zunächst allein, dann mit einer Schar von Anhängern. 1210 erkannte der Papst die Regeln dieser Gemeinschaft an, die als "Ordo Fratrum Minorum" = "Orden Minderer Brüder" oder "Minoriten" einer der erfolgreichsten europäischen Orden wurden. Ihr besonderes Merkmal war/ist der Verzicht auf Besitz und das Eintreten für Arme und Schwache. In den Städten, die sich im Hochmittelalter bildeten, nahmen sie neben der seelsorgerischen Tätigkeit oft Aufgaben in der Kranken- und Armenpflege wahr.

 

DIE FRANZISKANER IN LÜBECK UND DIE GRÜNDUNG DES KATHARINENKLOSTERS

Seit 1221 missionierten Franziskaner in Deutschland, in Lübeck traten sie zuerst 1224/1225 auf. Sie betrieben ein Leprosenhaus vor dem Burgtor. Zum Dank für diese Tätigkeit wohl erlaubte der Senat ihnen den Bau eines Klosters im Stadtinneren und stellte ihnen ein Grundstück zur Verfügung. Die Anlage dieses Klosters entspricht, wie die vieler anderer, der des Benediktiner-Klosters auf dem Monte Cassino: Im Norden steht die Kirche, daran schließt die Klausur an, daran der profane, öffentlich zugängliche Teil des Klosters. Von dem ursprünglichen Bau, der 1225 begonnen wurde, sind nur noch einige Restelemente zu finden: der Unterchor der Katharinenkirche und die spätromanischen Säulen am heutigen "Grünen Tisch".

 

DER VORFALL VON 1277

Im Juli 1277 war eine Bürgerin gestorben, die verfügt hatte, dass sie von den Franziskanern in St. Katharinen bestattet werden möge. Doch die Vikare ihrer Kirchengemeinde brachten sie in die "zuständige" Marienkirche und bereiteten dort die Beerdigung vor. Da entführten Angehörige und Freunde, darunter auch mehrere Ratsherren, den Leichnam nach St. Katharinen. Der Rat unterstützte den Gewaltakt und versuchte, die Pfarrstelle in St. Marien mit einem Mann seines Vertrauens neu zu besetzen. Dekan und Probst reagierten mit Exkommunikationen, die Kloster-Orden solidarisierten sich mit dem Rat, die Bürger lieferten ihren Zehnten jetzt bei ihnen ab, Kleriker wurden auf den Straßen angegriffen.

Darauf untersagte Bischof Burkhard Franziskanern und Dominikanern das Predigen und die Abnahme der Beichte. Orden wie Bürger ignorierten das Interdikt, der Bischof verbot die Abhaltung von Gottesdiensten und anderen Amtshandlungen in der gesamten Stadt. Erst nach einem mehrjährigen Schiedsverfahren in Rom kehrte wieder Ruhe ein. Den Orden wurde ihr Recht auf Begräbnisse und andere Privilegien bestätigt, der Rat nahm die antiklerikalen Beschlüsse zurück.

 

DER NEUE BAU

Der Bau von St. Katharinen ging langsam voran. 1305 wird der (damals hochmoderne) gotische Chor errichtet, am 23. Juli 1335 weihte Bischof Hinrich Bockholt das Langhaus der Kirche. Doch das entscheidende Jahr sollte 1350 werden: In Lübeck wütete die Pest. Lübecker Bürger spendeten große Summen, warfen sie der Legende nach in Beuteln über die Klostermauern, damit die Mönche für die noch Lebenden Fürbitte einlegten oder mit dem Lesen von Messen die Verstorbenen vor dem Fegefeuer bewahrten. Diese Einnahmen ermöglichten einen Neubau der gesamten Klosteranlage. Unter anderem wird der Kreuzgang gebaut. An die Ereignisse erinnert eine Bauinschrift, die heute im westlichen Umgang angebracht ist:

DIE BAUINSCHRIFT

M cum L ter C fuerant anni tibi, Criste,
Dum plus quam mediam ferit hanc epydimia terram.
Adde ter I, claustrum novum versum fit ad austrum.
Ac libraria pressa stat ista via.
Hiis, quos mors stravit, deus hoc claustrum reparavit.
Demptis corporibus sit bene spiritibus.

1000 plus 50 dreimal 100 Jahre waren dir, Christus, abgelaufen,
als eine Epidemie mehr als zur Hälfte dieses Land tötete.
Füge dreimal eins hinzu, ein neues Kloster entsteht nach Süden gelegen.
Und eine Bücherei steht dicht an diesem Weg da.
Durch die, die der Tod niederstreckte, hat Gott dieses Kloster neu hergerichtet.
Nachdem ihnen die Körper genommen sind, möge es ihren Geistern wohl sein.

 

DIE SAGE VOM STEIN DER WEISEN

Der Architekt des neuen Klosters soll der Guardian (=Abt) des Klosters, Bruder Emeke, gewesen sein. Von ihm geht folgende Sage:

"Einer, namens Emeke, baute das Kloster in drei Jahren wieder auf; von dem wird gemutmaßt, dass er den Stein der Weisen gehabt. Der Stein liegt dort noch verborgen, und von Zeit zu Zeit kommen Leute aus fernen Landen, namentlich Welsche, und sehen an gewissen Zeichen, ob er sicher liegt. Er soll aber in dem Pfeiler stecken, wo der Evangelist Lukas das Bild des Heilandes malt; andere sagen, an der Stelle, wo der Jude sitzt und das Gewölbe trägt. An jenem Pfeiler hat ein Werkmeister einmal nachgegraben und in den Pfeiler hineingehauen, aber da hat die ganze Kirche gezittert und gebebt, und er hat's aufgeben müssen." (Ernst Deecke, Lübische Geschichten und Sagen, 1851)

 

DER KONVENT VON 1356

1356 findet in dem erneuerten Kloster ein feierlicher Ordenskonvent der Franziskaner aus dem nordeuropäisch-skandinavischen Raum statt. Im damaligen Versammlungssaal ("Kapitelsaal" oder "Remter") befindet sich heute die Chemie. Das ursprüngliche Portal des Remters war im Zuge des Neubaus zugemauert worden, in den 70ger Jahren wurde es wieder freigelegt.

 

FRÜHE WISSENSCHAFT AN ST. KATHARINEN

Angehörige des Franziskanerordens traten vom 14. Jahrhundert an als Geschichtsschreiber hervor: Ein unbekannter Minorit verfasste die "Annales Lubicenses", eine mit der Kaiser- und Papstgeschichte verzahnte Chronik der Jahre 1264-1324 . Der langjährige Lesemeister des Katharinenklosters Detmar erhielt 1385 den Auftrag, die offizielle Stadchronik fortzusetzten. Er erweiterte später diese Arbeit zu einer lübeckischen Weltchronik, die vom Jahr 1105 an städtische Ereignisse und solche des Hansebundes in die allgemeine Weltgeschichte einarbeitete, stets unter dem theologischen Gesichtspunkt, wie das Widerspiel von Gut und Böse alles Sein bestimmt. Brüder des Klosters setzten diese Arbeit später für die Jahre 1395-1413 fort. In der Reformationszeit legten auch Hermann Bonnus und Reimar Kock solche Chroniken vor.

 

DIE REFORMATION IN LÜBECK UND DIE GRÜNDUNG DES GYMNASIUMS

1530 wurde im Rat der Stadt der Antrag gestellt, eine neue, städtische Lateinschule zu gründen. Es gab bereits solche höheren Schulen: eine am Dom, die in erster Linie dazu diente, den geistlichen Nachwuchs auszubilden, und für Bürgerkinder ebenfalls am Dom eine schola exterior und eine weitere an St. Jacobi, die aber beide dem kirchlichen scholasticus unterstanden. Rein städtisch dagegen waren vier Anfang des 14. Jahrhunderts  an den Kirchspielen St. Marien, St. Petri, St. Ägidien und St. Klemens errichteten dudeschen Scryfscolen, die sich freilich auf Elementarunterricht beschränkten. In der Reformation nahmen die Bürger auch die höhere  Bildung in die eigene Hand: Vor de ioget möte wy hebben eine gude Schole, dar der borger kindere beter ynne geleret werden wen bet to her. (Erster Satz der Kirchenordnung von 1531) Das Emanzipationsstreben des aufsteigenden Standes zeigte sich hier ebenso wie der zunehmende Bedarf an gebildeten Funktionsträgern in der sich differenzierenden Gesellschaft.

Der Rat schickte eine Delegation nach Wittenberg. Luther selbst war unabkömmlich, betraute Johannes Bugenhagen mit der Aufgabe, der Stadt eine neue Kirchen- und Schulordnung zu geben. Bugenhagen hatte das bereits in Braunschweig und Hamburg geleistet.

Als Ort für die neue Schule wurde das Katharinenkloster ausgewählt. Das lag zentral und bot viel Platz: für 5 Klassen, verschiedene Funktionsräume und die Wohnungen der "Scholegesellen" (Rector, Subrector, Cantor und 4 Pedagogi). Finanziert wurde die Schule aus Mitteln des Klosters, Zuschüssen der Kirche und der Stadt, Schulgeld (2 bis 4 Schilling) und den Einnahmen der Sängerschule: 1462 hatten Bürger eine ewige Messe gestiftet, deren Erträge u.a. in eine Sängerschule in der Hundestraße flossen. Die war 1528 dem Katharineum angegliedert worden, die Schule übernahm die Verpflichtung zum Chorgesang in den Kirchen und konnte über die einkommenden Gelder verfügen.

Schon im März 1531 nahm das Gymnasium, unter seinem ersten Schulleiter Hermann Bonnus, die Arbeit auf. In den 5 Klassen wurde vor allem Latein, die damalige internationale Wissenschafts- und Verwaltungssprache, unterrichtet, von den grammatischen Grundelementen bis zum Verfassen lateinischer Gedichte und der Aufführung altrömischer Komödien. Auch die Anfangsgründe des Griechischen, der Sprache des Neuen Testaments, wurde gelehrt. Vom Hebräischen wurden nur die Buchstaben verlangt, ferner Grundkenntnisse im Rechnen. Der Sonnabend war dem Religionsunterricht gewidmet. Täglich mehrmals wurden gemeinsame Gottesdienste abgehalten und der Chorgesang geübt. Neben dem Schulunterricht unterhielt das reformierte Katharineum auch das sog. lectorium, in dem für interessierte Bürger lateinische Vorträge über theologische Themen gehalten wurden, und später eine öffentliche Bibliothek.

Der Klosterbetrieb der Franziskaner bestand zunächst weiter, erst 1542 verließ Gerhard von Utrecht als letzter Bruder das Katharineum.

 

DER MORD IM KLOSTER

Nicht wirklich wichtig, aber spektakulär ist das erste Ereignis, das die Chronisten nach der Umwidmung des Klosters zum Gymnasium vermelden: 1590 wurde der Lehrer Nikolaus Jungius, Vater des später berühmten Naturwissenschaftlers Joachim Jungius, von einem geselligen Treffen mit Kollegen kommend an der Tür seiner Amtswohnung neben dem Kreuzgang mit einem Stoßdegen niedergestochen. Jungius schrie auf, der Mörder stammelte: "O mein Gott, Herr Praezeptor, es galt ja gar nicht Euch!" und entfloh. Der Fall wurde nie aufgeklärt.

 

DIE EINRICHTUNG DER STADTBIBLIOTHEK

Bücherschätze der Stadtbibliothek Schon Bugenhagen hatte die Einrichtung einer städtischen Bibliothek geplant, aber erst ab 1616 wurde das Projekt in Angriff genommen. Die Bücherbestände der vier Hauptkirchen wurden zusammengeführt, später dazu die Bibliotheken des Rates, der Katharinenkirche und der Lateinschule, und im ehemaligen Dormitorium des Klosters (dem heute sogenannten Scharbausaal) untergebracht. Der Rektor des Katharineums, Johann Kirchmann, wurde erster Bibliotheksleiter. Bis Anfang des 20sten Jahrhunderts waren es immer Lehrkräfte des Katharineums, die die Bibliothek nebenamtlich leiteten.

 

JOHANN HEINRICH VON SEELEN

Von 1718 bis 1762 war Johann Heinrich von Seelen Rektor des Katharineums. Studierter Philosoph, Theologe und Orientalist, gehörte er zu den bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit, nicht nur in Lübeck. Er veröffentlichte mehrere hundert Schriften philosophischen, theologischen, philologischen, historischen und antiquarischen Inhalts, namentlich das biographische Sammelwerk Athenae Lubecenses mit seinem ErgänzungsbandHistoria Athenaei Lubecensis, einer Geschichte des Katharineums, seiner Lehrer und Schüler, und gab u.a. die wissenschaftliche Zeitschrift Bibliotheca Lubecensis heraus. Ihn würdigt ein Epitaph in der Katharinenkirche mit folgender Inschrift:

IOHANNES HENRICUS A SEELEN
S.S. (=sanctissimae) THEOLOGIAE LICENTIATUS
SCHOLARUM PRIMUM FLENSBURGENSIS ATQUE STADENSIS CONRECTOR
POSTREMO GYMNASII LUBECENSIS RECTOR
NATUS ASELAE IN DUCATU BREMENSI ANNO CHRISTI MDCLXXXVII A(nte).D(iem). VIII AUGUSTI
PIE DEFUNCTUS LUBECAE ANNO MDCCLXII A.D. XI OCTOBRIS
EXACTIS MUNERIS SCHOLASTICI ANNIS - SI DIES ADDAS XXV - XXXXVIIII
VITAE ANNIS LXXV MENSIBUS II DIEBUS XIIII.
NOMINE CONSPECTO FIERI PRAECONIA NON VIS.
GRANDE VIR ELOGIUM QUA PATET ORBIS HABET.

JOHANN HEINRICH VON SEELEN
DER HOCHHEILIGEN THEOLOGIE LIZENTIAT
ZUERST KONREKTOR DER SCHULEN VON FLENSBURG UND STADE
SCHLIESSLICH REKTOR DES LÜBECKER GYMNASIUMS
GEBOREN IN ASSEL IM HERZOGTUM BREMEN IM JAHRE CHRISTI 1687 AM 8. AUGUST
FROMM VERSTORBEN IN LÜBECK IM JAHR 1767 AM 22. OKTOBER
NACH ABLAUF VON 49 JAHREN DES SCHULDIENSTES - WENN DU ZWEI TAGE ZUZÄHLST -
75 JAHREN DES LEBENS, 2 MONATEN, 13 TAGEN.
WENN MAN DEINEN NAMEN ERBLICKT HAT, WILLST DU NICHT, DASS GROSSES GETÖSE GEMACHT WIRD.
DER MANN HAT GROSSEN RUHM, SOWEIT SICH DIE WELT ERSTRECKT.

 

DAS KATHARINEUM IN DER FRANZOSENZEIT

Von 1806 bis 1813 war Lübeck von den Franzosen besetzt, das Katharineum, Kirche wie Schule, wurde in ein Lazarett umgewandelt. Der Unterricht musste anfangs in den Privatwohnungen der Lehrer stattfinden, bis es dem diplomatischen Geschick des Schulleiters Christian Julius Wilhelm Mosche gelang, die Klassenräume wieder räumen zu lassen und die Lehrerwohnungen von Einquartierungen freizustellen. Als Lübeck 1810 dem französischen Kaiserreich formell einverleibt wurde, ging auch die Schulaufsicht an die Besatzer und Franzosen rückten als Französischlehrer in das Kollegium ein. Mosche nahm persönlich als Dolmetscher und als Vorbild seiner Schüler an den Stunden teil.
Während Mosche um ein gütliches Auskommen mit den Besatzungsbehörden bemüht war, traten zwei Mitglieder des Kollegiums, Heinrich Kunhardt und Friedrich Wilhelm Herrmann als antifranzösische Agitatoren hervor. Herrmann, schon zuvor neben seiner Schultätigkeit ein vielseitiger Literat, publizierte verschiedene Aufrufe zur Befreiung. Als im März 1813 die Franzosen aus der Stadt abrückten, hielt er die große öffentliche Ansprache an die zur Hanseatischen Legion abrückenden Freiwilligen, Kunhardt und Mosche dichteten Abschiedsgesänge an die Kämpfer. Als die Franzosen noch einmal für einige Monate in die Hansestadt zurückkehrten, musste Herrmann nach Mecklenburg ins Exil. Eine Inschriftentafel in einer Nische unter dem Chor von St. Katharinen (Wand zur Schule hin) ehrt Mosche und Herrmann.

 

DAS 19. JAHRHUNDERT

Souvenirblatt von 1850 Das 19. Jahrhundert brachte, wie in der sonstigen Gesellschaft, auch am Katharineum viele Umbrüche und Wandlungen. 1801 wurde neben der lateinischen Gelehrtenschule ein Realzweig eingeführt, dessen Fächer stärker auf die Bedürfnisse künftiger Handwerker und Kaufleute zugeschnitten war. Neben den altsprachlichen Unterricht trat ein Angebot in Französisch und Englisch, auch Fächer wie Wirtschaft, Statistik und Zeitungskunde wurden zeitweise gelehrt. Zunächst wurde der humanistische und der "bürgerliche" Unterricht, in einer Art Gesamtschulsystem, in leistungsdifferenzierten Kursen ineinander verzahnt, bis das bis heute übliche System paralleler Jahrgangs-Klassen sich durchsetzte. 1828 wurde eine mündliche und schriftliche Abschlussprüfung eingeführt, zunächst noch als freiwilliges Examen für Schüler, die ein Stipendium anstrebten, bis 1869 das Abitur allgemeine Pflicht wurde. Das Katharineum war es, das zuerst die 45-Minuten-"Stunde" einführte. Neben dem eigentlichen Schulunterricht gab es schon früh im 19. Jahrhundert ein Schul-Kulturleben mit Theater- und Musikaufführungen, auch Schulfeste und ausgedehnte Studienfahrten der Primaner gehörten zum festen Programm der Schule. In den Reihen des Kollegiums arbeiten z.T. hoch renommierte Wissenschaftler wie die Altphilologen Johann Friedrich Jacob und Johannes Classen, die Historiker Ernst Deecke und Friedrich Wilhelm Mantels, der Künstler und erste Denkmalpfleger Lübecks Carl Julius Milde, der Astronom G. Sack.

Auch das Gebäude des Katharineums wird in diesem Jahrhundert mehrfach umgebaut, Teile werden abgerissen, neue entstehen, Grundstücke werden dazuerworben, naturwissenschaftliche Sammlungen und Laboratorien auf- und ausgebaut. Das heutige neugotische Fronthaus wurde in den Jahren 1888-1891 erbaut. (Siehe dazu den Ordner: "Das historische Schulgebäude")

 

DIE GEBRÜDER MANN UND IHRE SCHULE

Heinrich und Thomas Mann stammten aus einer der angesehensten Familien Lübecks. Der Vater führte in der 3. Generation einen Getreidegroßhandel und war als Senator für die Finanzen der Stadt zuständig. Beide Söhne erhielten ihren ersten Unterricht auf dem privaten Progymnasium des Dr. Bussenius. Heinrich durchlief diese Ausbildung glatt und wurde 1884 im 7. Schuljahr des altsprachlichen Zweiges des Katharineums eingeschult. Er war ein recht guter Schüler, verließ das Gymnasium aber nach der 12. Klasse, um eine Buchhändlerlehre zu beginnen, ein Kompromiss zwischen seinen literarischen Neigungen und dem Wunsch der Familie, dass er als Kaufmann die Nachfolge des Vaters antreten möge. Thomas, der vier Jahre jüngere, musste bereits auf dem Progymnasium eine Klasse wiederholen. Er wurde 1889 im Katharineum eingeschult, in die 8. Klasse des Realgymnasiums. Er benötigte für die 3 Klassen der Mittelstufe 5 Jahre und ging 1894 - als 19jähriger - mit der Mittleren Reife ab. Die vielen Streichungen und Korrekturen im Abgangszeugnis zeigen, dass seine Lehrer auch dafür noch heftig mit sich ringen mussten.

"Der Blaue Engel" - Filmplakat Immerhin gründete Thomas Mann in dieser Zeit die erste Schülerzeitung Deutschlands, den Frühlingssturm, die allerdings über 3 Nummern nicht hinauskam.
Beide Manns haben ihre Schulerlebnisse literarisch verarbeitet: Heinrich im Roman Professor Unrat, der Karikatur eines Schultyrannen mit anarchischen Zügen (verfilmt und verkitscht als Der Blaue Engel (1930)), Thomas im Schlussteil der Buddenbrooks, die eindringlich die Leiden des jungen Hanno in und an seiner Schule schildern.

 

1933 -1945

Wie auch an anderen Schulen beeilten sich die Nationalsozialisten, dem Katharineum gleich nach der Machtübernahme organisatorisch und gesinnungsmäßig ihren Stempel aufzuprägen. Ohne Formalien, geschweige einen offiziellen Abschied, wurde der langjährige, hochgeachtete Schulleiter Dr. Georg Rosenthal seines Amtes enthoben. Ein frisch zum Landesschulrat bestimmter Parteigenosse erschien, brachte einen neuen Direktor mit und erklärte Dr. Rosenthal, er könne nun gehen. Was dieser klaglos tat.

Hans Blumenberg, der 1939 noch sein Abitur ablegen, aber als "Halbjude" nicht mehr an der Verabschiedungsfeier seines Jahrgang teilnehmen durfte, erinnert sich: "Als nach den Osterferien 1933 die Gestalt des Direktors Rosenthal aus dem Leben der Schule verschwunden war - zunächst konnte oder mochte niemand auf die Frage antworten, aus welchem Recht und Grund - , gab es für den Quartaner die unbestimmte Wahrnehmung eines bedrohlichen Gewaltaktes, der an den Nerv der Schule gehen mußte. Man wird naiv finden, was ich als bewegende Frage des Schülers zu formulieren suche: Konnte es derartiges an diesem Ort, in diesen Mauern, im Kraftfeld von Georg Rosenthal geben ? . . . Doch nicht schon die Wendung, sondern erst das Gefälle macht die Spürbarkeit des "Verfalls". Die Erinnerung an Rosenthal, der stolz der Schmach den Rücken gekehrt hatte, wuchs im Maße dessen, was nach ihm kam, mit der Kümmerlichkeit der großen Worte und leeren Gesten, den hilflosen Machtansprüchen, dem wilden Herumfuhrwerken. Dieser "Verfall" kam von oben, und es gehört zu den lebenslang zu verarbeitenden Erfahrungen dessen, der gerade noch vergleichen konnte, daß es auch die wirklich gab, die sich nicht mitziehen ließen, die etwas zu bewahren hatten. Rosenthals Schule überlebte den "Verfall", weil es ihn gegeben hatte, weil die Zeit nicht ausreichte, seinen Standard vergessen zu machen." (An Georg Rosenthal erinnernd. Festschrift 1981).

Ehemalige Schüler stifteten dem Andenken an Dr. Rosenthal eine Skulptur eine Nachbildung der antiken Platik "Betender Knabe", die heute im mittleren Treppenhaus angebracht ist. Im Primanerhof erinnert eine Gedenktafel an die Opfer des Nationalsozialismus. Zu denen gehört u.a. die jüdische Schulsekretärin Minna Grünfeldt, die 1933 entlassen und 1941 zur Vernichtung in ein Konzentrationslager bei Riga deportiert wurde. Auch der ehemalige Schüler des Katharineums und Anarchist Erich Mühsam wurde im Konzentrationslager ermordet.

 

DAS KATHARINEUM NACH DEM KRIEG

Das Katharineum war von den Bomben auf Lübeck nicht verschont worden, die ersten Jahre nach dem Krieg ging es vor allem darum , überhaupt wieder Unterricht stattfinden zu lassen, in wechselnden Quartieren und zum Teil im Schichtbetrieb. Ostern 1949 reichten die Kapazitäten, das (1937 eingestellte) 13. Schuljahr wieder einzuführen. Seit 1950 gibt es am Katharineum die Koedukation. Die kommenden Jahre sehen die in der Bundesrepublik üblichen Reformen: die Einführung von Schüler- und Elternvertretungen, die Einführung der Orientierungsstufe und die der reformierten Oberstufe.

Über die zahlreichen baulichen Veränderungen der Nachkriegszeit informiert der Ordner "Das historische Schulgebäude"; darüber, was die Schule heute ist, der Ordner "Das Katharineum stellt sich vor".