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Erich Mühsam

Lübecker Handels- und Industrieausstellung Erich Mühsam wurde am 6. April 1878 geboren. Es war das Jahr, in dem auf dem Berliner Kongress eine Neuordnung der Balkanregion vereinbart wurde. Auf den Kaiser werden mehrere Attentate verübt, das "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" systematisiert die Kriminalisierung der Arbeiterbewegung, Kinderarbeit wird abgeschafft - außer in der Landwirtschaft und für Heimarbeit. Dort wird für Kinder unter 14 die tägliche Arbeitszeit auf sechs Stunden begrenzt, für Jugendliche bis 16 auf zehn Stunden. Kinder unter 12 dürfen erst erwerbstätig werden, wenn sie ihre 6jährige Schulpflicht erfüllt haben. Es ist das sechste Jahr einer Rezession. 850 000 Deutsche emigrieren in den frühen 80gern nach Übersee. Der heranwachsende Erich erlebt Lübeck auf dem Weg zum Industriestandort. Das bedeutete Urbanisierung, städtebauliche, technische und soziale Dynamik und das rapide Wachsen einer Klasse, des Industrie-Proletariats, als deren Anwalt er sich später verstehen wird.

Erich Mühsams Vater war der Apotheker und langjährige Abgeordnete der Lübecker Bürgerschaft Siegfried Seligmann Mühsam. Über die Kindheit notiert der Schriftsteller später:"Es steigt etwas wie Haß in mir auf, wenn ich daran zurückdenke, wenn ich mir die unsagbaren Prügel vergegenwärtige, mit denen alles, was an natürlicher Regung in mir war, herausgeprügelt werden sollte. Man kannte meine Neigung, Bücher zu lesen. Nie erhielt ich welche geschenkt, und als man dahinterkam, daß ich nachts heimlich aufstand, an den Bücherschrank meiner Eltern ging und mir die Werke Kleists, Goethes, Wielands, Jean Pauls herausholte, da verschloß man den Schrank und nahm mir auch die einzige Möglichkeit, meine heiße Sehnsucht zu befriedigen."

Mühsam als Gymnasiast Ab 1887 besuchte Mühsam das Katharineum:"Gymnasialbesuch in Lübeck: unverständige Lehrer, niemand, der die Besonderheit des Kindes erkannt hätte, infolgedessen: Widerspenstigkeit, Faulheit, Beschäftigung mit fremden Dingen. Frühzeitige Dichtversuche, die weder in der Schule noch im Elternhause Förderung finden, im Gegenteil als Ablenkung von der Pflicht betrachtet werden und deshalb im geheimen geübt werden müssen. Dummejungenstreiche, zuletzt - als Untersekundaner - geheime Berichte über Schulinterna an die sozialdemokratische Zeitung; daher wegen "sozialistischer Umtriebe" Relegation."

Das letztere ist Selbststilisierung, der Anlass hätte für eine Abschulung kaum gereicht. Mühsam, schon in Schülertagen ein routinierter Zeitungsschreiber, hatte eine Aula-Rede des Schulleiters mit Glossen versehen im "Lübecker Volksboten", dem Organ der Lübecker Sozialdemokratie, an eine kritischere Öffentlichkeit gebracht, als für die sie gedacht war; doch ein Geheimnis waren weder die Rede noch ihre Tendenz gewesen. Es war der Vater, der den Schulwechsel ins mecklenburgische Parchim betrieb; möglicherweise, um den Sohn aus seinem sozialdemokratischen Umfeld in Lübeck zu lösen. Mühsam beendete seine Gymnasiastenzeit nach der Untersekunda und machte eine Apothekerlehre an verschiedenen Orten. Während eines Lehrjahrs in Lübeck rief er in verschiedenen Zeitungen zum Erhalt der vom Abriss bedrohten auf und rettete so diesen historischen Bau für die Stadt.

Der Wahre Jacob Berlin um 1900: Städte sind in einer Generation zu großtechnischen Anlagen geworden. Alles ist elektrifiziert. Es gibt ein Telephonnetz, U-Bahnen, Filmtheater, Schallplatten. Warenhäuser bündeln den Massenkonsum in neuer Form. Und das Auto beginnt seinen Siegeszug. In der pulsierenden Metropole gibt es auch ein nie gekanntes Angebot an Zerstreuungskultur: Theater, Varietés, Kleinkunstbühnen. Mittendrin Mühsam. Er hatte 1901 einen Posten als Apothekergehilfe im Wedding angetreten, sich aber rasch einem Kreis junger Literaten angeschlossen, unter ihnen die Brüder Hart, Gustav Landauer und der Graphiker Fidus. Er veröffentlichte erste politische Gedichte im "Wahren Jacob" und Schüttelreime in der "Fröhlichen Kunst". ("Juchhe !" rief Karl "juchhe der Falter ! - Er sitzt auf meinem Federhalter.")

Mühsam Selbstkarikatur Mal sarkastisch, mal voll emphatischer Rebellion sind die Artikel, die er in der von ihm mitherausgegebenen Zeitschrift "Der arme Teufel" publiziert. Sein nom de plume ist "Nolo". "Nolo will ich mich nennen - nolo: ich will nicht ! Nein, ich will in der Tat nicht! Nein, ich will nicht mehr all die unnötigen Leiden sehn, deren die Welt so übervoll ist; mich all den Torheiten fügen, die uns die Freude rauben und das Glück in all den Ketten hängen, die unsere Füße hindern, auszuschreiten, und unsere Hände, zuzugreifen. Ich will nicht mehr mit ansehen, wie ungerecht und chaotisch des Lebens höchste Güter - Kunst und Wissen, Arbeit und Genuß, Liebe und Erkenntnis - verstreut liegen. Ich will nicht mehr. Nolo."

Gustav Radbruch, der zu der Zeit in Berlin studiert, berichtet über seinen ehemaligen Mitschüler (nicht aus der gleichen Klasse, aber dem gleichen Jahrgang des Katharineums): "In meiner Berliner Zeit war er zeitweise ohne Wohnung, brachte die Nächte im Café des Westens zu und klopfte fast allmorgentlich um sechs an meine Tür, um sich auszuschlafen, nachdem er einem frierenden Bettler seinen ganzen Mantel abgetreten und damit sogar die Caritas des heiligen Martin übertroffen hatte, der nur den halben Mantel als Almosen gab."

Café Größenwahn Mühsam selbst über diesen Lebensstil: "Ich habe gewiß viele recht vergnügte Stunden in Gesellschaft künstlerischer Menschen verlebt, und wir haben uns gewiß, wenn kein Geld da war, mit allerlei gewagten Mitteln zu helfen gesucht, weniger, um uns zu amüsieren, als um in häufig schlimmster Not unsere Kameradenpflicht zu erfüllen, aber daß das sozusagen organisierte Bummeln den Lebensinhalt geistig bewegter Persönlichkeiten ausgemacht hätte, dafür habe ich kein Beispiel gefunden Weder Armut noch Unstetigkeit ist entscheidendes Kriterium für die Boheme, sondern Freiheitsdrang, der den Mut findet, gesellschaftliche Bindungen zu durchbrechen und sich die Lebensformen zu schaffen, die der eigenen inneren Entwicklung die geringsten Widerstände entgegensetzen."

Mühsam schlägt sich die nächsten Jahre mit Zeitungsbeiträgen durch, veröffentlicht Gedichte, Dramen und Streitschriften, agitiert in Reden und Flugblättern gegen den Staat. Das trägt ihm dauerhafte Polizeiüberwachung ein und einmal eine hohe Geldstrafe, die sein Vater begleicht. Und immer wieder arbeitet er fürs Kabarett.

War ein mal ein Revoluzzer
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: "Ich revolüzze!"
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus.
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: "Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehn,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! -
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!"

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

Mühsam agitiert in einem Cafe 1908 siedelt Mühsam nach München über, dem zweiten, etwas gemütlicheren, Kunstzentrum der Ära. Er gehört bald zu den markantesten Erscheinungen der Schwabinger Literaturszene. Er arbeitet für Zeitschriften und Kabaretts, veröffentlicht Gedichte und Dramen und gibt den "Kain - Zeitschrift für Menschlichkeit heraus." Er hat auch die "Gruppe Tat" gegründet, die sozialistisch-anarchistische Agitation betreibt. 1909 wird er wegen Geheimbündelei und Anstiftung zu einem Bombenattentat unter Anklage gestellt, aber freigesprochen. Während des Krieges wirbt er bei Pazifisten und linken Sozialdemokraten für ein Aktionsbündnis, das das Ende des Krieges durch eine Revolution herbeiführen soll. Die politischen Vorstellungen der oppositionellen Gruppen sind aber zu unterschiedlich, der erklärte Anarchist findet keine Resonanz.

7. November Theresienwiese Als sich im Spätherbst 1918 die Niederlage im Krieg abzeichnet und die Nachricht vom Kieler Matrosenaufstand eintrifft, überschlagen sich in München die Ereignisse. Am 7. November wählen Arbeiter- und Soldatenräte Kurt Eisner von der USPD zum Ministerpräsidenten. Der erklärt den König für abgesetzt und proklamiert den "Freien Volksstaat Bayern". Wie in Berlin bricht in den nächsten Monaten eine erbitterte Auseinandersetzung über die Form dieses Staates aus: Parlamentarismus oder Räterepublik: Entscheidungen durch ein Repräsentantengremium oder dezentral und direkt durch Arbeiterversammlungen. Zu den entschiedenen Anhängern der Räterepublik gehört Erich Mühsam. Er gründet die "Vereinigung revolutionärer Internationalisten", die in harscher Opposition zu Ministerpräsident Eisner steht, der eine Republik in parlamentarischen Formen anstrebt. Unterstützt von 1000 Soldaten stürmt Mühsams Gruppe die Redaktionen der bürgerlichen Presse und fordert deren Vergesellschaftung. Eisner löst die Besetzung durch persönliches Einschreiten auf. Im "Revolutionären Arbeiterrat" arbeitet Mühsam weiter am Projekt einer Räterepublik. Zwei Tage vor der Wahl zum verfassungsgebenden Landtag läßt Eisner ihn verhaften: "Er ließ in der Frühe des Tages die führenden Persönlichkeiten der KPD und des RAR verhaften, im ganzen zwölf Personen, darunter auch Levien und mich. Mit diesem Unternehmen holte er sich eine entscheidende Niederlage und vernichtete bei der radikalisierten Masse Sympathien, die ihm seiner entschlossenen und persönlich tapferen Haltung beim Januarstreik und bei der Novemberrevolution wegen überreich entgegengebracht wurden. Eine spontane Riesendemonstration zog vor das Ministerium des Auswärtigen und verlangte unsere Freigabe. Eisner wollte sie um keinen Preis zugeben, verweigerte sogar zuerst, mit dem Sprecher der Masse zu verhandeln. Schließlich erzwang sich der Matrose Rudolf Egelhofer ... den Zutritt, indem er von außen am Hause emporkletterte und durchs Fenster in Eisners Arbeitszimmer eindrang. Angesichts der bedrohlichen Haltung der Menge mußte darauf Eisner unsere sofortige Freilassung anordnen. In der Volksversammlung, in der die Masse uns erwartete, wurden wir mit ungeheuren Ovationen empfangen."

Freikorps in München Die Landtagswahl gewinnen SPD und bürgerliche Parteien. Eisner wird auf dem Weg zu seiner Rücktrittserklärung von einem rechtsextremen Offizier erschossen. Aus der theatralischen wird eine existenzielle Zuspitzung. Man muss jetzt mit allem rechnen. Während der Landtag Mitte März den Sozialdemokraten Hoffmann zum Ministerpräsidenten wählt, rufen zwei Wochen später die Arbeiterräte die Räterepublik aus. An der Spitze stehen die Schriftsteller Gustav Landauer, Ernst Toller und Mühsam. Diese Literaten-Regierung ist freilich ohne wirkliche Machtbasis und auch ohne praktisches Konzept, wie anarchistische Staatsführung aussehen soll. Eine neue Räteregierung unter Führung der Kommunisten löst sie nach einer Woche ab.

Inzwischen hat die nach Bamberg ausgewichene Regierung Hoffmann Freikorpsverbände nach München geschickt. Als diese von Revolutionstruppen zurückgeschlagen werden, setzt die sozialdemokratische Reichsregierung in Marsch. Freikorps und Reichswehr nehmen München in blutigen Kämpfen. Die Führer der Revolution werden festgesetzt, zum Teil ermordet. Mühsam wird zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt.

Aktivisten der Räterepublik in Festungshaft

Ich hab's mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen !

Erich Mühsam sitzt 5 Jahre Festungshaft in Landsberg/Bayern ab. Gustav Radbruch hat ihn einmal dort besucht. Eine Amnestie für die Münchner Räterevolutionäre kann der Reichsjustizminister nicht erreichen. Erst als 1924 eine Generalamnestie beschlossen wird (die vor allem Adolf Hitler und seinen Mittätern am Marsch auf die Feldherrenhalle zugute kommen soll,) wird auch Mühsam entlassen.

Kundgebung der Roten Hilfe Berlin 1925 In Berlin wird ihm als Symbolfigur der Revolution ein triumphaler Empfang bereitet. Aber in dem Parteiengefüge, in dem jetzt vor allem Politik getrieben wird, kann der Anarchist nie Fuß fassen. Er arbeitet zunächst im Umfeld der KPD, engagiert sich in der Roten Hilfe, die inhaftierte Genossen unterstützt, tritt aber wieder aus,als die Organisation sich weigert, auch für linke politische Gefangene in der Sowjetunion einzustehen. Mühsam will die Befreiung der Gesellschaft vom Staat, auch einem kommunistischen. Er bleibt Einzelkämpfer.

Fanal Als Autor ist er relativ erfolgreich. Schon aus der Haft hat er das Arbeiterdrama "Judas" publiziert, das auf verschiedenen Bühnen gespielt wird. 1929 wird das Stück "Staatsräson" über den Justizmord an den amerikanischen Anarchisten Sacco und Vanzetti uraufgeführt. Mühsam veröffentlicht Dichtung und politische Bücher wie seine Erinnerungen an die Münchner Räterepublik und gründet die Zeitschrift "Fanal".

Auch nach der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten tritt er mutig als antifaschistischer Redner auf. Am Tag des Reichtagsbrandes verhaftet ihn die SA. 1 ½ Jahre durchleidet er in verschiedenen Konzentrationslagern schwerste Misshandlungen, zuletzt in Oranienburg. Ein Mithäftling berichtet: "Am nächsten Vormittag ertönt ein wildes Geschrei auf der Treppe. Gestöhn, Fußtritte von Nagelstiefeln, Faustschläge. Eimer werden hin und her geworfen Ein dumpfer Fall. Ein Körper stürzt die Treppe herunter, rollt auf dem Boden hin, Stiefelspitzen stechen nach ihm, treten ihm ins Gesicht. Es ist blutverschmiert, grünblau verschwollen, verschoben, das eine Auge aufgedunsen. Eimer mit Spülwasser fliegen hinterher. Der Gefolterte - Mühsam - liegt in einer Lache, in der Hand den Aufwischlappen. Er will sich erheben, aber die Stiefel treten ihn jedesmal nieder. Ich erwische einen Blick von ihm. Der Gefangene leidet, aber sein Blick ist nicht gebrochen."

Am 10. Juli 1934 findet man ihn erhängt in der Latrine.

Mühsam im KZ Oranienburg

Die Erinnerung an Gustav Mühsam wird in Lübeck vor allem durch die Mühsam-Gesellschaft aufrecht gehalten. Es gibt auch einen Erich-Mühsam-Weg. Am Katharineum präsentierte ein Arbeitskreis aus Lehrern und Schülern anläßlich des Schuljubiläums 1981 Schautafeln über sein Leben und Werk und führte eine Text-, Musik- und Filmkollage über den Dichter und Politiker auf. Nach langen Querelen, aber schließlich doch, wurde 1993 eine Mühsam-Gedenkplakette des Lehrers und Künstlers Wilhelm Schmidt in der Ehrennische der Schule angebracht.

Jeden Abend werfe ich
eine Zukunft hinter mich,
die sich niemals mehr erhebt -
denn sie hat im Geist gelebt.
Neue Bilder werden, wachsen;
Welten drehn um neue Achsen,
werden, sterben, lieben, schaffen.
Die Vergangenheiten klaffen.
Tobend, wirbelnd stürzt die Zeit
in die Gruft. -- Das Leben schreit !