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Ein Katharineer wird Dichterfürst - Emanuel Geibel, Lübecks unbekannte Berühmtheit

Der Lübecker Emanuel Geibel wurde zu Lebzeiten geehrt wie kaum ein zweiter lebender Schriftsteller: Seine Werke standen in jedem Bücherschrank, Könige bekannten sich als seine Bewunderer, die Stadt Lübeck ernannte ihn zum Ehrenbürger. Wer war dieser Emanuel Geibel, dessen Denkmal jeder Lübecker unzählige Male passiert hat, und der doch so gut wie vergessen ist ?
Er wird am 17. Oktober 1815 geboren. Wenige Monate zuvor ist die Ära Napoleons endgültig zu Ende gegangen, der Wiener Kongress hatte Europa neu geordnet, Lübeck nach Jahren der französischen Besatzung wieder seine republikanische Souveränität bestätigt bekommen. Im gleichen Jahr geboren: der Maler Adolph Menzel, der Mathematiker George Boole, der Militärkomponist Johann Gottfried Piefke, der Politiker Otto von Bismarck.
Geibels Vater ist Pastor der Reformierten Gemeinde, die Mutter entstammt der angesehenen Kaufmannsfamilie Gansland. Emanuel ist das siebte von acht Kindern. Man wohnt gediegen in der Fischstraße. Die Kindheit dürfte biedermeiertypisch behütet verlaufen sein.

Das Katharineum um 1850

Ostern 1824 tritt der 9jährige in das Katharineum ein. Die Schule erlebte seit der Franzosenzeit einen bemerkenswerten Aufschwung. Zählte sie zu Beginn des Jahrhunderts nur noch 120 Schüler, waren es in den 40er Jahren schon wieder fast 350 - damals eine beachtliche Schülerpopulation. Das Lehrerkollegium bestand aus knapp 20 Herren. Im Mittelpunkt des Unterrichts stehen die Alten Sprachen. Geibels Griechischlehrer in Oberprima ist Professor Johannes Classen, dessen wissenschaftlicher Thukydides-Kommentar noch heute herangezogen wird. Einen prägenden Einfluss auf Geibel hat in den letzten Schuljahren auch der neue Direktor Friedrich Jacob. Er unterrichtet Goethe, damals ja fast noch zeitgenössische Literatur, und führt mit Lessings »Laokoon« in die Kunstbetrachtung der Antike ein. Auch weckt er die künstlerischen Talente seiner Schüler mit Theateraufführungen und Abendgesellschaften, auf denen Musik und Dichtung vorgetragen werden. Emanuel Geibel zeichnet sich in diesem Rahmen zum ersten Mal als Lyriker aus. 1834 wird sogar eine Dichtung des Primaners in Chamissos »Deutschem Musenalmanach« veröffentlicht.
1834 verlässt Geibel das Katharineum. Das Abitur als formalen Schulabschluss gibt es noch nicht, seit 1828 aber eine Stipendiatenprüfung. Geibel ist Jahrgangangsbester. Er hat seiner Schule später dankbar gedacht:
Im Versepos »Julian« sucht ein Vater für seinen Sohn eine Schule:

Den engen Zwang möcht er dem Liebling sparen,
Der meist umdumpft ein deutsch Gymnasium.
Nicht zum Lateiner will er ja den Knaben,
Zum Menschen will er ihn erzogen haben.
Ich sagte meist - Ausnahmen giebt's auch hier,
Und von der schönsten darf ich Zeugnis geben;
O Heimathschule, sei gesegnet mir,
Wo frei und frisch erwuchs mein Jugendleben.
Du dämpftest nur die flatternde Begier
und schnittst vom Stocke nur die wilden Reben
Was je als Kern und Wesen sich bewährt,
Das hast du mild geschont und fromm genährt.

April 1835. Geibel schreibt sich an der Universität Bonn ein. In Paris scheitert in diesem Jahr ein Sprengstoffanschlag auf König Louis-Philippe. Texas kämpft um die Unabhängigkeit von Spanisch-Mexiko. Darwin besucht die Galapagos-Inseln. Die bayerische Hypo wird gegründet, ebenso der Bertelsmann-Verlag.
Geibel belegt zunächst Theologie, in den Fußstapfen seines Vaters. Doch daneben hört er Philosophie und römische Literatur und studiert intensiv die griechischen Dramatiker Sophokles und Aischylos, Homer und griechische Lyrik. Beim alten Schlegel, dem theoretischen Begründer der deutschen Romantik, wird etwas Indologie gehört. Am derben Studentenleben der Zeit findet er nicht viel Gefallen. Wenn die Zeit es zulässt, erkundet er das Rheintal und die Städte am Main. Er genießt die liebliche Gegend, seine Welt wird es nicht:
"Liebe Mutter ! ... Eure Briefe haben mir ein wahres Heimweh erregt. Das rauscht und klingt alles von der schönen blauen See und von den lustigen Ausflügen ans Travemünder Gestade. . . . Der Rhein ist wohl schön und die vielen Berge auch mit ihren Weingärten und Ruinen, aber wenn ich an die ruhige See denke mit stiller Nachmittagssonne darüber oder an die zauberhafte Dämmerung am Strand, an das träumende Gemurmel der Wellen, an den hochschlanken Leuchtturm, der mit rotflimmerndem Auge in die Weite hinausschaut, da wird mir doch ganz wehmütig und sehnsüchtig zu Sinne."
Neben dem Studium wird gedichtet. Wieder kann Geibel ein Poem im »Musenalmanach« unterbringen: Die »Gondelfahrt«. Auch hier: Sehnsucht statt Gegenwart:

In den Wassern der Laguna
Schwimmt das goldne Bild der Luna,
Kühlung haucht der sanfte Wind,
Und die schlanke Gondel flieget
Von den Fluten fort gewieget
Unaufhaltsam, pfeilgeschwind.
Welch ein Schweben, welch ein Wogen
Bei des Mondes Zauberschein
Durch die hohen Brückenbogen,
Durch die Gassen aus und ein!

Nach 2 Semestern am Rhein geht's nach Berlin, mit um die 300.000 Einwohnern eine Großstadt, überdies mit seinen Parks, Schlössern und Museen eine wirkliche Metropole.
"In Bonn mußte man ganz in der Vergangenheit leben . Und dagegen Berlin, die Stadt der Gegenwart und des Lebens, mit ihren geraden prosaischen Straßen und hellen Häusern, mit ihren Volksmassen und Wachparaden ! Aber eben diese weißen Häuser bilden für Deutschland den Brennpunkt, in dem sich alle Strahlen höherer geistiger Bestrebung vereinigen, diese Soldatenhaufen sind die Stütze, auf denen die politische Sicherheit unseres Vaterlandes ruht.
In Berlin gibt Geibel die Religionswissenschaft auf, konzentriert sich auf Klassische Philologie. Er studiert bei führenden Altertumskundlern der Epoche: dem Historiker Droysen, dem Gräzisten Boeckh, dem Altphilologen und Pionier der Germanistik Lachmann. Mit dem Kunsthistoriker Franz Kugler - selbst ein Amateur-Dichter - verkehrt Geibel bald auf freundschaftlichem Fuß. Wichtiger noch: Der junge Lübecker wird Größen des damaligen Geisteslebens vorgestellt, wie den Romanciers Gaudy und Alexis, dem Dramatiker Houwald, und von der alten Garde der Romantik Eichendorff Chamisso und Bettina von Arnim:
"Als ich eintrat, kam mir Bettina rasch entgegen in einem sehr einfachen Hauskleide, das Haar ein wenig wild um den Kopf hängend. Nachdem sie mich ausgescholten, dass ich mich gar nicht wieder bei ihr hatte sehen lassen, mußte ich mich zu ihr setzen, und das Gespräch war bald im Gange. Ich möchte euch <,liebe Eltern,> gerne von dem mitteilen, was sie sagte; aber so etwas läßt sich nicht schwarz auf Weiß wiedergeben. Nur sie selbst kann sich schreiben, sonst niemand. ... Die unmittelbare Frische ihrer Rede, die rasche Formung des Gedankens im Wort, der eben erst sich in ihrem Haupte entzündet, läßt sich von keiner fremden Feder festhalten."
Bald zirkulieren auch Gedichte des jungen Mannes aus Lübeck in dieser gutbürgerlichen Berliner Bohème. Es ist die große Zeit des Liedes. Die aufstrebende Komponistin Johanna Mathieux vertont Verse Geibels, ebenso der renommierte Dresdner Hofkapellmeister Reissiger.
Außer Geibel befindet sich übrigens inzwischen ein ganzer Klub ehemaliger Katharineer studienhalber in Berlin: sein Jugendfreund Curtius, der spätere Bibliotheksdirektor Mantels und andere. Selbst sein ehemaliger Musiklehrer am Katharineum, Karl Mosche, scheut nicht die Reise nach Berlin, in der Hoffnung, Geibel könne ihn in die maßgeblichen Kulturkreise der Hauptstadt einführen. Auch er hat Geibel-Lieder in Töne gesetzt. Dem Umworbenen allerdings wird im zweiten Jahr seines Berlin-Aufenthalts das Salonleben zu anstrengend. Zwar betont er in Briefen an seine Eltern, dass er das Studieren keineswegs vernachlässige; klagt aber auch, dass er wegen seiner gesellschaftlichen Verpflichtungen über Wochen kaum noch einmal einen freien Abend habe.
Da vermittelt Bettina von Arnim ihm die Chance seines Lebens: Der russische Botschafter in Griechenland, Fürst Katakazi, sucht einen Hauslehrer. Erwartet werden gute Allgemeinbildung, besonders in deutscher Sprache und Literatur, Altgriechisch und Latein. Bettina von Arnim hat dem Fürsten Geibel warm empfohlen, auch wenn der schnell noch Französisch nachlernen muss. Geibel willigt begeistert ein.
"Die moderne Welt, die über den großartigen Trümmern des Alterthums lustig sich aufbaut; die europäische Kultur, die mächtig ringt mit der schönen Wildheit eines halb orientalischen Volkes; und all dies bunte Treiben in dem herrlichen Lande voll wilder Rosen und der blaue griechische Himmel darüber, und das Meer dabei, auf dem Themistokles und Kanaris schlugen - ach, es wird mir ganz sehnsüchtig zu Sinne, wenn ich daran denke."
Aber wie das Studium abschließen? Geibel schickt einen Lebenslauf an die Universität Jena, in dem er seine eingehenden altertumskundlichen Studien in Berlin herausstreicht, auch eine Arbeit über die römischen Elegiker ankündigt. Die habe er schon begonnen, könne sie aber wegen der geplanten Griechenlandreise erst später zum Abschluss bringen. Ob man ihm nicht auf dieses Versprechen hin den Doktortitel in absentia - in Abwesenheit - verleihen könne? Die Universität kommt dem Gesuch nach. So etwas ging damals. (Soweit bekannt, hat Dr. Geibel die Arbeit nie nachgereicht.)

Denkst du des Abends noch, des hellen,
Da mich der Winde leiser Zug
Sanft über die entschlafnen Wellen
An diese stille Küste trug?
Da ich, ermüdet vom Gewühle,
Das draußen toset früh und spat,
Mit bang sehnsüchtigem Gefühle
Vom hohen Schiff ans Ufer trat?

Wie wehte da vom Bergesgipfel
Ein leiser Hauch willkommner Ruh!
Wie rauschten der Zypressen Wipfel
Mir den ersehnten Frieden zu!
Die Stadt, von weißem Marmor glänzend,
Das Weinlaub, Fenster und Altan
Mit seinem dichten Grün umkränzend,
Es sah mich so befreundet an.

Unter großer Anteilnahme des christlichen Europa hatten die Griechen 1827 die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erkämpft. Um das Land politisch zu stabilisieren und in das europäische Machtgefüge einzupassen, veranlassten die Signatarmächte der Staatsgründung die griechische Nationalversammlung, einen europäischen Fürsten zum König zu wählen. So wurde 1832 der bayerische Prinz Otto von Wittelsbach - wie Geibel 1815 geboren - König von Griechenland.
Nicht nur deswegen übte Griechenland gerade auf Deutsche einen besonderen Zauber aus. Zur lateinischen Antike hatten die romanischen Nationen schon von der Sprache her einen direkteren Zugang als die Nordländer. Auch taugte das römische Imperium mehr als Vorbild für die Europa-Idee des napoleonischen Frankreich. Zu Griechenland, einer Zivilisation von Kleinstaaten, die nichtsdestoweniger in Kunst, Philosophie und Literatur Größtes leisteten, spürte die politisch zersplitterte deutsche Kulturnation seit je eine enge Affinität.

Im Juni 1838 trifft Geibel in Athen ein, damals kaum mehr als eine Kleinstadt mit Ruinen. Empfangen wird er von seinem Jugendfreund und Mit-Katharineer Ernst Curtius. Curtius wird einer der führenden Althistoriker der Epoche werden und ein Wegbereiter der modernen Archäologie. Er wird Olympia ausgraben und einer der Wegbereiter der neuzeitlichen Olympischen Spiele werden. Er bekleidet bereits seit dem Vorjahr eine Hauslehrerstelle in Athen und steht dem Neuankömmling beim Einleben in dem fremden Land zur Seite.
Geibels Stelle ist gut dotiert, Fürst Katakazi ein nobler Arbeitgeber. Aber das straff geregelte Unterrichtsprogramm lässt Geibel kaum Zeit für eigene Arbeiten. Überdies erweisen sich die Kinder als zwar begabt im Lernen, doch ansonsten schwer erziehbar:
"Ein Deutscher hat gar keinen Begriff davon, wie in so jungen Gemütern sich schon ein solcher Grad von Niedrigkeit und Bosheit gebildet und befestigt haben kann. Da ist auch keine Spur von offener Kindlichkeit, keine Ahnung von Religion, kein Sinn für Großes und Schönes. ... Ich gebe Stunden und muß mich ärgern, ich führe die Knaben spazieren und muß mich ärgern, ich gebe wieder Stunden und muß mich ärgern, ich esse vortrefflich zu Mittag und muß dann wiederum Knaben hüten, um mich aufs neue zu ärgern."
Andererseits fühlt sich Geibel im Paradies: "Die Luft ist so lau, so durchsichtig klar - die deutsche Sprache hat kein Wort für diesen ewig blauen Glanz, weil uns die Sache fehlt. Die bloße Existenz im Freien ist schon Genuß; man braucht bloß diesen reinen Äther einzuatmen, um sich heiter und erhoben zu fühlen. Wenn ich bedenke, welcher Anstalten es in Deutschland bedarf, um einmal recht von Herzen vergnügt zu sein, und wie oft ein solcher Versuch geselliger Fröhlichkeit mißglückt, wie hoch lerne ich dann diesen Süden schätzen, wo die Freude auf Berg und Tal ausgebreitet liegt, und man nur die Hand auszustrecken braucht, um viel zu besitzen." Der Fürst akzeptiert, daß Geibel im zweiten Jahr nur noch halbtags unterrichtet. Den August '39 können Geibel und Curtius für eine Fahrt zu den Inseln nutzen. Zum 3. Jahr gibt Geibel seine Stelle ganz auf.
Der äußere Ertrag des Griechenland-Abenteuers: Er publiziert 1840 gemeinsam mit Curtius ein Heft »Klassische Studien« - Übersetzungen griechischer Lyrik mit Anmerkungen zu den Autoren und ihrer Zeit. Der innere Gewinn der Jahre in der Fremde ? In seinen »Erinnerungen an Emanuel Geibel« teilt Curtius eine hellsichtige Beobachtung mit: "Man könnte sagen, der griechische Aufenthalt sei für ihn verhältnismäßig gleichgültig gewesen, da er sich doch nicht in Griechenland einheimisch gemacht habe; denn was er etwa an griechischen Motiven in seinen Gedichten verwendet habe, hätte er ebensogut aus anderen Quellen entlehnen können. Geibel war überhaupt seiner ganzen Gemütsanlage nach eine in sich geschlossene Persönlichkeit; er hat sich im wesentlichen aus sich selbst herausgestaltet wie ein Baum aus innerem Keime, ohne entscheidend eingreifende Einflüsse von außen zu empfangen."
Geibel hatte griechische Verskunst und Kultur in ihrem eigenen Milieu studiert. Aber eines war klar geworden - wieder Curtius: "Er konnte und wollte kein Forscher sein. Das klassische Altertum blieb ihm ein unerschöpflicher Quell von Belehrung und Genuß, ein Gegenstand liebevollster Beschäftigung, aber er sammelte doch nur, um die innewohnende Kraft eigenen Schaffens zu stärken und zu veredeln."
Aber in welchem Beruf sollte sich das manifestieren ? Die »Studien« waren freundlich beachtet worden, waren aber doch nichts, auf das man die Zukunft gründen konnte. Es hatte auch ein erster Band mit eigener Dichtung erscheinen sollen, aber ein Brand in der Druckerei vernichtete das Manuskript.
Geibel reist heim nach Lübeck. Der 25jährige wird von Familie und Freunden herzlich aufgenommen. Er in den Wanderjahren menschlich gereift, hatte unschätzbare Verbindungen knüpfen können, andererseits auch in Griechenland - isoliert vom deutschen Kulturbetrieb - eigenständige künstlerische Vorstellungen entwickeln können. Aber er war auch stellungslos, von den Eltern abhängig.
In dieser ungewissen Lage zerbricht auch die Verbindung mit seiner Freundin seit Schülertagen, Cäcilie Wattenbach. Keiner von beiden wagte in der gegebenen Situation den Schritt zur offiziellen Verlobung. Mutter Wattenbach setzte der Hängepartie schließlich mit einem Besuchsverbot ein Ende. Emanuel wie Cäcilie haben bis ins Alter der verpassten Gelegenheit nachgetrauert.

Wie es geht

Sie redeten ihr zu: Er liebt dich nicht,
Er spielt mit dir! – Da neigte sie das Haupt,
Und Tränen perlten ihr vom Angesicht
Wie Tau von Rosen; o, daß sie's geglaubt!
Denn als er kam und zweifelnd fand die Braut,
Ward er voll Trotz, nicht trübe wollt' er scheinen;
Er sang und spielte, trank und lachte laut,
Um dann die Nacht hindurch zu weinen.

Wohl pocht' ein guter Engel an ihr Herz:
»Er ist doch treu, gib ihm die Hand, o gib!«
Wohl fühlt auch er durch Bitterkeit und Schmerz:
»Sie liebt dich doch, sie ist ja doch dein Lieb,
Ein freundlich Wort nur sprich, ein Wort vernimm,
So ist der Zauber, der euch trennt, gebrochen.«
Sie gingen, sahn sich – o, der Stolz ist schlimm! –
Das eine Wort blieb ungesprochen.

1840 erscheint Geibels erster Band »Gedichte«. Er wird über 150 Auflagen erleben; zunächst aber bleibt das Buch unbeachtet. Im gleichen Jahr debütieren Stifter mit dem »Condor« und Hebbel mit der »Judith«. Heines »Rabbi von Bacherach« erscheint, Dickens' »Raritätenladen«, und Coopers »Pfadfinder«. Wagner vollendet den »Rienzi«. Queen Victoria heiratet Albert von Sachsen-Coburg Gotha, die Briefmarke wird eingeführt und der Morse-Apparat patentiert.
Geibel vergräbt sich in italienische und spanische Lyrik, die er herausgeben will, kommt aber nicht recht voran, sitzt mit der Wasserpfeife am Fenster oder streift in samtenem Schnürrock durch die Stadt, gelegentlich einen Fez auf dem Kopf. Im April '41 stirbt zu allem Unglück die Mutter.
Aber es gibt einen Lichtblick: Ein Freund der Familie, der Freiherr von der Malsburg, lädt ihn auf sein Gut Escheberg bei Kassel ein. Geibel lebt auf. Kurz vor der Abreise entsteht sein später populärstes Gedicht:

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus.
Da bleibe wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus.
Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
so steht auch mir der Sinn in die Weite, weite Welt.

Auf Escheberg kann Geibel seine spanischen Studien fortsetzen; der verstorbene Bruder des Schlossherrn hatte eine Bibliothek in dieser Sprache aufgebaut, die Geibel ordnen soll. 1843 wird er »Volkslieder und Romanzen der Spanier« herausgeben. Auch zu eigener Produktion kommt er bei dem fast einjährigen Aufenthalt. Es entstehen das Drama »König Roderich«, auch dies ein spanischer Stoff, und die »Zeitstimmen«.
In diesem Lyrikbändchen - 12 Gedichte, erschienen im Herbst '41 - schlägt Geibel einen neuen Ton an: politische Dichtung. Er beklagt das Los der amerikanischen Sklaven, ruft Griechenkönig Otto zur Wiedereroberung von Byzanz, türkisch Istanbul, auf, und beschwört die Einheit eines deutschen Reiches:

"O heil'ger Rhein, behüt' dich Gott!
O deutsches Reich, sei stark und eins,
So weit das deutsche Wort erklingt,
so weit man trinkt des deutschen Weins,
Halt fest zusammen, doch nicht wie
ein Bettlermantel bunt geflickt,
Nein, einem Banner sei du gleich,
in dreißig Farben froh gestickt.

Aber mit der politisierenden Jugend des Vormärz will der altkluge Mittzwanziger sich nicht gemein machen:

Der Glaub' ist ihnen ein Fastnachtsscherz,
Eine Torheit das Herz.
Ach, und so viele
Treiben's zum Spiele!
Nach Freiheit rufen sie männiglich
Und sind der eigenen Lüste Knechte;
Sie reden vom ewigen Menschenrechte
Und meinen doch nur ihr kleines Ich.

Stattdessen rät der Pastorensohn zu Gottvertrauen:

Und wenn dir oft auch bangt und graut,
Als sei die Höll' auf Erden,
Nur unverzagt auf Gott vertraut!
Es muß doch Frühling werden.

Diese Haltung, und sicher auch die unverbindlich-elegante Lyrik seines Erstlings trägt ihm das Wohlwollen höchster Kreise ein. Gerade erwägt der immer noch erwerbslose Geibel, sich um eine Lehrerstelle am Katharineum zu bewerben - nach eigener Aussage schreckt ihn nicht die Arbeit, wohl aber die Unfreiheit der Stellung - , da wird ihm Weihnachten '42 vom preußischen König Friedrich Wilhelm eine Pension ausgesetzt. Um seiner dichterischen Berufung leben zu können, soll er jährlich 300 Taler erhalten. Eine Strickerin verdiente um die Jahrhundertmitte etwa 50 Taler im Jahr, ein Leineweber kam auf etwa 130 Taler; für 4 Groschen bekam man ein Schwarzbrot oder ein Pfund Fleisch, ein 5-Personenhaushalt - in einfachen Verhältnissen - kam mit 3 ½ Taler die Woche aus. Geibel verfügt nun über fast das Doppelte.
Geibel ist die materiellen Sorgen los. Was macht er jetzt ? Zunächst einmal geht er auf Tournee, reist zu den bewunderten Kollegen Freiligrath ins Rheinland und Kerner nach Württemberg. In Stuttgart singt der Kronprinz auf einer Soirée dem Dichter persönlich dessen »Zigeunerleben« vor, am Piano Franz Liszt. In Weimar sondiert der Erbgroßherzog, wie er den Lübecker Dichter dauerhaft an seinen Hof binden könnte. Der noch nicht 30jährige Geibel ist jetzt ein im ganzen Land bekannter Autor, seine beiden Gedichtbände erleben Auflage um Auflage. Mehrfach hält sich Geibel in Berlin auf. Freund Curtius ist dort Professor und Prinzenerzieher. Felix Mendelssohn gibt ein Libretto für eine »Lorelei«-Oper in Auftrag, die berühmte Jenny Lind soll die Titelrolle singen. Geibel geht wieder auf Reisen, übt sich zwischenzeitlich erneut als politischer Barde. Die Dänen haben eine Eisenbahn von Lübeck nach Lauenburg verhindert, wollen womöglich die Elbherzogtümer annektieren. Geibel veröffentlicht patriotische »Sonette für Schleswig-Holstein«.

Deutschland, bist du so tief vom Schlaf gebunden,
Daß diese fremden Zwerge sich getrauen,
Mit frechem Beil in deinen Leib zu hauen,
Als könntest du nicht spüren Streich und Wunden?

In Dänemark werden diese Strophen umgehend verboten; in Deutschland mehren sie den Ruhm des Künstlers, der hier reimend dem patriotischen Zeitgeist Tribut zollt. Seine »Juniuslieder«, die später im Jahr erscheinen, werden ein bedeutender Erfolg. Das Berliner »Lorelei«-Projekt bleibt allerdings stecken. Immerhin kann Geibel im Februar '47 den Schwank »Die Seelenwanderung« im Prinzenpalais vor den preußischen Hoheiten zur Aufführung bringen.
Anschließend geht es nach Süddeutschland. Von der Revolution des Jahres '48 bleibt Geibel persönlich und in seiner Dichtung weitgehend unberührt. Allerdings versieht er '48/49 für ein halbes Jahr eine Lateinlehrerstelle am Katharineum, als Vertretung für Ernst Deecke, der in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt worden war.
Aus den Juniusliedern:

An Wunden, schweren,
Langsam verbluten,
In heimlichen Gluten
Still sich verzehren,
Täglich voll Reue
Den Wahnsinn verschwören.
Täglich aufs neue
Sich wieder betören,
Ewig zum Meiden
Die Schritte wenden
Und doch nicht scheiden -
O Lieb', o Leiden,
Wann wirst du enden!

Geibel ist in Berlin und Lübeck, besucht Hannover, Frankfurt, Darmstadt, Heidelberg, Schlesien, kurt in Heringsdorf, Karlsbad und Gastein. Manche Arbeiten werden begonnen, Lyrik und Dramatisches. Gelegenheitstexte erscheinen hier und da, so etwas wie ein Hauptwerk will nicht entstehen. Ein Biograph sah - durchaus bedauernd - den Grund darin, dass Geibel früh das Leben zu leicht gemacht worden sei, es an leidvollen Erfahrungen und äußeren Widerständen gemangelt habe, an denen sein Charakter und seine Dichtung hätten erstarken können. Auch habe sich ihm nie ein wirklicher Stoff aufgedrängt, an dem er sich hätte abarbeiten müssen. Auch der politische Geibel fühlt sich orientierungslos, als sein Protektor Friedrich Wilhelm im April '49 die gesamtdeutsche Krone ausschlägt und ein einheitliches Reich nicht zustande kommt.

Das Jahr 1852 bringt das Ende der Wanderjahre: Geibel heiratet die 17jährige Amanda Trummer, genannt Ada, Tocher eines Lübecker Rechtsanwalts aus dem Bekanntenkreis des Vaters. 1853 bringt Amanda eine Tochter zur Welt. 3 Jahre darauf stirbt sie, mit 22. Der 37jährige Geibel ist jetzt Witwer.

Ich denke still zurück
An heut vor sieben Jahren;
Das war das höchste Glück,
Was damals ich erfahren.
Das war das höchste Glück,
Wohl hieß ich's froh willkommen;
Doch hast du's, Herr, zurück
Aus meiner Hand genommen.
Die Blüte, die ich pries,
Die reine, dornenlose,
Sie blüht im Paradies
Nun längst als weiße Rose.
Ach, nimmer den Verlust
Meint' ich zu überstehen;
Die Wund' in meiner Brust
Hast du allein gesehen.
Doch bleibt ein heil'ger Schmerz
Im Staub nicht ewig ranken,
Und heute soll mein Herz
Nicht klagen, sondern danken,
Daß, was so schön und hoch
Mir ward an jenem Tage,
Ich als Erinn'rung doch
Stillglänzend in mir trage,
Und daß du mild von Ihr,
Bis ich sie wiederfinde,
Ein süßes Abbild mir
Beschert in ihrem Kinde.

Oft war Geibel nicht im Kreise seiner Familie in Lübeck gewesen. Seine Wirkungsstätte ist seit Oktober '52 und für die nächsten 16 Jahre München. Der kunstsinnige König Maximilian II. hat ihm eine gut dotierte Professur für deutsche Literatur und Metrik zukommen lassen. Die universitären Verpflichtungen sind überschaubar, Geibel - seit Dienstantritt "von Geibel" - präsidiert hauptberuflich der literarischen Tafelrunde des Monarchen und entscheidet, wer dem »Maximiliansorden für Kunst und Wissenschaft« beitreten darf. Ansonsten tummelt er sich in der literarischen Szene der Stadt, etwa dem Schriftstellerclub »Die Krokodile«. Gemeinsam mit dem jungen Paul Heyse - einem künftigen Nobelpreisträger - gibt er erneut spanische Dichtungen heraus, mit anderen Kollegen Übersetzungen aus dem Portugiesischen und Französischen. Ansonsten schreibt er vor allem an Dramen, das Publikum des Hoftheaters spendet der Uraufführung seines Nibelungenstücks »Brunhild« 1860 großen Beifall.

Ereignisse dieser Periode: 1852: Louis Bonaparte lässt sich zum Kaiser krönen - 1853: Der Krimkrieg beginnt - Die Firma Steinway wird gegründet - 1854: Der Suez-Kanal wird in Angriff genommen - 1855: Livingstone steht an den Victoria-Fällen - 1856: Im Neandertal werden urzeitliche Knochen entdeckt - 1857 »Madame Bovary« erscheint - 1858: In Indien wird der Sepoy-Aufstand niederschlagen - 1859 : Darwin veröffentlicht »Die Entstehung der Arten« - 1860: Das Königreich Italien entsteht - 1861: Der amerikanische Bürgerkrieg bricht aus - 1862: Bismarck wird preußischer Ministerpräsident - 1863: Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein konstituiert sich, der Vorläufer der SPD - 1864: Deutsch-Dänischer Krieg - 1865: »Alice im Wunderland« - 1866: Alfred Nobel erfindet das Dynamit - 1867: Pariser Weltausstellung - Marx' »Kapital« erscheint - 1868: Cuba erhebt sich gegen das spanische Kolonialregime - Mit der Meiji-Restauration beginnt der Aufbau des modernen Japan als Industrienation - Geibel verliert seine Stelle.
Vor 4 Jahren ist Geibels Förderer Maximilian verstorben, es regiert jetzt der exzentrische zweite Ludwig, dessen Kunstinteresse in eine andere Richtung ging als das seines Vorgängers. Namentlich Ludwigs besonderer Protegé Richard Wagner ist dem Klassizisten Geibel zuwider. Auch stand Geibels Passion für ein vereintes deutsches Reich im Widerspruch zu Bayerns Politik. Der Krieg Preußens mit Österreich 1866 hatte den Konflikt verschärft. Zum Eklat kommt es 1868: Der Preußenkönig besucht Lübeck, Geibel gibt in einer Begrüßungsode der Hoffnung Ausdruck, dass der Preußenadler bald "übers Reich ununterbrochen vom Fels zum Meer“ fliegen möge. Die Münchner stellen darauf die Gehaltszahlungen ein. Geibel kündigt.
Berlin reagiert rasch. König Wilhelm verleiht dem Geschassten einen jährlichen Ehrensold von 1000 Talern. Im folgenden Jahr wird ihm überdies der preußische Schillerpreis für das Antiken-Drama »Sophonisbe« zuerkannt. Die Lübecker wollen da nicht zurückstehen, verleihen ihm im Dezember '68 die Ehrenbürgerwürde.
1871 - Reichsgründung. Geibels langgehegter Traum wird wahr. Er veröffentlicht die »Heroldsrufe«, eine Zusammenstellung seiner Zeitgedichte aus über 30 Jahren . Er war nicht nur, wie ein Biograph titelte, der "Sänger der Liebe", sondern auch der "Herold des Reichs".
Aus »Deutschlands Beruf« von 1861:

Wenn die heil'ge Krone wieder
Eine hohe Scheitel schmückt,
Aus dem Haupt durch alle Glieder
Stark ein ein'ger Wille zückt,
Wird im Völkerrat vor allen
Deutscher Spruch aufs neu' erschallen.

Macht und Freiheit, Recht und Sitte,
Klarer Geist und scharfer Hieb,
Zügeln dann aus starker Mitte
Jeder Selbstsucht wilden Trieb,
Und es mag am deutschen Wesen
Einmal noch die Welt genesen.

Nach seiner Münchner Demission lebt Geibel noch 16 Jahre in Lübeck und Schwartau. Oft ist er, wie sein ganzes Leben, bei schlechter Gesundheit. Das eine oder andere Neue schreibt er noch, vor allem betreut er sein literarisches Vermächtnis. Thomas Manns "Jean-Jacques Hoffstede", in den »Buddenbrooks« der stets mild gestimmte "Dichter der Stadt", ist dem späten Geibel nachempfunden.
1875 schließt Geibel sein »Klassisches Liederbuch« ab, Übersetzungen antiker Gedichte. 1877 erscheinen unter dem Titel »Spätherbstblätter« Verse des letzten Jahrzehnts. 1883 kann er selbst noch die 8-bändige Ausgabe seiner »Gesammelten Werke« zusammenstellen. Das galt stets als Krönung einer Autorenlaufbahn.
1884: Die deutschen Afrika-Kolonien entstehen. Auf der Washingtoner Meridiankonferenz werden internationale Zeitzonen verabredet. Die Eisenbahnstrecke Altona-Kaltenkirchen wird eröffnet, die Arbeiterkrankenversicherung eingeführt und der Grundstein für den Berliner Reichstag gelegt. Am 6. April 1884 stirbt Emanuel Geibel mit 69 Jahren. Auf dem Burgtorfriedhof erhält er ein Ehrengrab. Fünf Jahre nach seinem Tod wird das Geibel-Denkmal errichtet, das heute neben dem Heiligen-Geist-Hospital platziert ist. Seit 1934 trägt die Schule in der Glockengießerstraße Geibels Namen.
Geibel war über Jahrzehnte ein Lieblingsdichter des deutschen Bürgertums. Selbst Karl Mays 'Kara Ben Nemsi' zitiert seine Verse, als er im Orient auf Deutsche trifft. Aber Geibels gefälliger, formstrenger, doch blutarmer Stil gefiel nicht jedem Zeitgenossen. [Theodor Storm spottete: "Es sei die Form ein Goldgefäß / In das man goldnen Inhalt gießt!" Fontane witzelte über die "Geibelei". Hebbel nannte Geibels Münchner Literatenkreis eine "Kleindichterbewahranstalt". Wilhelm Busch gab dem Protagonisten seiner Poeten-Satire »Balduin Bählamm« die Physiognomie Geibels. Eine Generation nach seinem Tod ist Geibel vergessen.
Warum? Die politischen Gedichte seiner Spätphase beschworen ein Deutschland, das mit dem Ende des 1. Weltkriegs untergegangen war. Auch seine verhalten schwebende Salonlyrik passte nicht in die dynamische Moderne der Weimarer Republik. Kulturinstitutionen des Nationalsozialismus wie die 1939 konstituierte Lübecker Emanuel-Geibel-Gesellschaft versuchten kurzzeitig, das patriotische Gedankengut des Dichters für die aktuelle Politik nutzbar zu machen. Aber außer einem vordergründigen Bekenntnis zum Einheitsreich war bei Geibel für den politischen Diskurs nicht viel zu holen, und die behutsame Innerlichkeit seiner besseren Texte entsprach auch nicht dem faschistischen Ich-Ideal.
(1823) Und heute? Wer handwerkliche Fertigkeit beim Versemachen schätzt, wird Geibel seinen Respekt nicht versagen. Auch wer die geistige Atmosphäre des deutschen Kulturbürgertums - am Gefühl wie am Exotischen durchaus interessiert, aber nicht tapfer genug, mehr als einen Blick durch die Butzenscheibe zu riskieren - im 19. Jahrhundert erkunden will, findet in Geibel einen kompetenten Führer. Und wenn man das Glück hat, in der richtigen Stimmung auf die richtige Strophe zu treffen, ist Geibel kein schlechterer Katalysator von Innenerkundungen als andere.