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Die Spielschar des Katharineums und das Lübecker Krippenspiel

Das "Lübecker Krippenspiel" wird seit Jahrzehnten zur Adventszeit von der Spielschar des Katharineums auf Niederdeutsch in der St. Aegidien-Kirche aufgeführt. Seine Geschichte wird hier von Jürgen Fick beschrieben.


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Das „Lübecker Krippenspiel“

Als die Oberrealschule zum Dom 1920 anlässlich einer Weihnachtsfeier ein niederdeutsches Krippenspiel im Stadthallenkino aufführte, bat Prof. Mahn in den Lübeckischen Blättern, das Stück möge künftig auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, da es „jedem Besucher eine Stunde tiefster Ergriffenheit und Weihe“ beschere. Der Bitte Prof. Mahns wurde schon im Jahr darauf entsprochen, und seitdem ist das „Lübecker Krippenspiel“ das wohl traditionsreichste Element der lübschen Adventszeit. An dieser Stelle soll nun auf Ursprung und Geschichte des Stücks zurückgeschaut sowie seine Bedeutung für Mitwirkende und Zuschauer herausgestellt werden.

Pastor Mildenstein von der Lutherkirche war nach dem Ersten Weltkrieg über Lübeck hinaus bekannt wegen seiner in niederdeutscher Mundart gehaltenen Predigten. Wohl deshalb schickte man ihm aus Hamburg ein Manuskript mit dem Titel „Krippenspeel. Een nedderdütsch Wiehnachtsspeel na ole Volksspeele un Leeder vun Edgar Schacht“. Der sich selbst als Verfasser ausgebende Schacht fragte in einem Begleitschreiben nach einer Aufführungsmöglichkeit in Lübeck. Pastor Mildenstein erkannte, dass das Stück vor allem für das Laienspiel theaterfreudiger Schüler geeignet war, und da er um die Spielschar der ORzD wusste, gab er den Text an deren Leiter, Prof. Borvitz, weiter. Dieser wiederum überließ ihn seinem Kollegen Prof. Paul Brockhaus, dem die Pflege volkstümlicher Kunst besonders am Herzen lag. Der Spielbarkeit wegen verkürzte Brockhaus den Text und versuchte die eingangs erwähnte erste Aufführung in der Stadthalle.

Krippenspiel Bild Krippe

Schnell wurde Brockhaus klar, dass die eigentliche Spielstätte für das „Krippenspeel“ nur ein sakraler Raum sein dürfte, und nachdem der Kirchenvorstand der Marienkirche das Ersuchen abgelehnt hatte, weil man Theateraufführungen in der Kirche für ungebührlich erachtete, fand man mehr Verständnis bei der Aegidiengemeinde. Seit 1921 wird das Stück in der „Tilgenkark“ aufgeführt und im Nachhinein kann man für die Absage der Marienkirche nur dankbar sein, denn es lässt sich kaum ein geeigneterer Platz für das Stück vorstellen als unter dem schönen Lettner von St.Aegidien.

Nachdem die Verbindung zu Schacht abgerissen war und man herausgefunden hatte, dass es sich beim „Krippenspeel“ keineswegs um ein Original, sondern um die wortgetreue Übertragung eines alten oberdeutschen Spiels handelte, fühlte sich Brockhaus nun allein verantwortlich. Mit dem Umzug nach St. Aegidien verschaffte er den Grundsätzen echten Laienspiels Geltung. Spielten bei der Erstaufführung Kulissen, Perücken und eine effektvolle Beleuchtung noch eine bedeutende Rolle, verbannte er nun alles auf bloßen Schein gerichtete Theatermäßige. Zwar hielt er trotz manch sprachlicher Unzulänglichkeiten und unverkennbar oberdeutscher Einflüsse am Wortlaut der Übertragung Schachts fest, doch nahm er weitere Kürzungen vor und verlieh so dem Spiel jene Geschlossenheit und Rundung, die ihm bis zum heutigen Tag zu eigen sind und das Geschehen um Christi Geburt wie einen farbigen Holzschnitt wirken lassen. Wenn somit seit vielen Jahrzehnten vom „Lübecker Krippenspiel“ die Rede ist, dann nicht nur wegen seines „gediegenen“ Niederdeutschen und der lübschen Spielstätte in der Tilgenkark, sondern vor allem wegen der dramaturgischen Leistung von Paul Brockhaus, die dieses Krippenspiel als das Seine zu bezeichnen verdient.

Im Laufe der zwanziger und dreißiger Jahre prägte sich eine feste Spieltradition aus, die vor allem von den Schülern selbst gewissenhaft gewahrt wurde, spielte man doch als Sextaner einen Engel, wirkte als Tertianer oder Sekundaner als Bauer oder Singer mit und übernahm dann als Primaner die Rolle eines Königs, des alten Schäfers oder des Josef. Die Arbeit von Schülerinnen und Schülern aller Klassenstufen an  einer gemeinsamen Aufgabe erwies sich als äußerst fruchtbringend, wobei das jeweilige Vorbild der Älteren die Kontinuität der überlieferten Form garantierte.

Daran änderte sich auch nichts, als Brockhaus 1934 an das Katharineum versetzt wurde und „dat fromme Speel“ sehr zum Leidwesen seiner alten Schule mit hinübernahm und es im alten Geiste weiterführte. Seit der Zeit wird das „Lübecker Krippenspiel“ von der Spielschar des Katharineums aufgeführt. Dabei übernahmen vor Einführung der Koedukation Schülerinnen der Ernestinenschule und des Lyzeums am Falkenplatz die weiblichen Rollen, oft Jahre hindurch die gleichen Spielerinnen. Auch als die Hitlerjugend in der Folgezeit Bedenken und Widerstand gegen die Aufführung des Krippenspiels zeigte, fanden sich immer wieder Jungen und Mädchen, die sich freiwillig als Darsteller zur Verfügung stellten. Selbst die schweren Kriegsjahre brachten keine Unterbrechung der Aufführungen: Trotz ungeheizter Kirche und drohenden Fliegeralarms wollten viele Lübecker gerade in dieser Zeit nicht auf die innere Bereicherung ihrer Adventszeit verzichten. Als die Aegidienkirche infolge Bombenschäden vorübergehend keine Spielmöglichkeit bot, wich man ins  Andreas-Wilms-Haus aus. Viele Briefe aus jener Zeit – u.a. von ehemaligen Darstellern, die ihren Felddienst versahen oder in Kriegsgefangenschaft gerieten – bezeugen, wie viel Kraft und Trost die Nachwirkung der vertrauten Worte und Weisen des Stücks gerade in aussichtslos erscheinenden Lebenssituationen zu spenden vermochte.

Krippenspiel Bild Bauern

1946 trat Prof. Brockhaus in den Ruhestand, fand aber im Kollegium einen neuen Spielleiter. Friedrich Fick gehörte bereits an der ORzD zur ersten Spielgarde, hatte er doch von 1920 bis 1927 mitgewirkt und auch in den Kriegsjahren, als es an Oberstufenschülern mangelte, als Lehrer die Rolle des alten Schäfers übernommen. Ein neuer Wechsel wurde  erforderlich, als Fick 1957 als Direktor nach Krefeld berufen wurde. Doch auch er hatte das Glück, dass im Kollegium ein „altgedienter“ Krippenspieler, Dr. Rolf Saltzwedel, als Nachfolger bereitstand. Ein hoch zu schätzendes Verdienst von Dr. Saltzwedel bestand darin, das Krippenspiel in der unruhigen Zeit der Studentenbewegung, die auch das Katharineum erfasste, aufrechtzuerhalten und für die Zukunft zu bewahren. Dies gelang vor allem deshalb, weil die Freude der Schüler am Stück und die gemeinschaftstiftende Kraft der Spielschar stärker waren als der angeblich aufklärerische, auf Infragestellung und Zerschlagung des Tradierten gerichtete Wille der 68er. Die Ernennung zum Direktor der Ernestinenschule machte der Arbeit Dr. Saltzwedels 1976 ein Ende. „Speelbaas“ war seitdem der jüngste Sohn seines Vorgängers, Jürgen Fick, dem das Stück durch die Familie von frühester Kindheit an vertraut war. 2013 ehrte die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland Jürgen Fick für sein jahrzehntelanges Wirken als Leiter des Krippenspiels mit der Verleihung des Ansgarkreuzes. Im gleichen Jahr legte Fick das Krippenspiel in die Hände seines Kollegen Dietmar Hampel, der als ehemaliger Schüler des Katharineums eine enge Bindung an das Stück hat.

Eine wesentliche Aufgabe des Speelbaas ist, den Schülern das Besondere des Weihnachtsspiels zu vermitteln, dass es nämlich darum geht, das biblische Geschehen in seiner ganzen Schlichtheit und mit der Natürlichkeit, die den jungen Menschen gegeben ist, zum Ausdruck zu bringen und den Zuschauern die „frohe Botschaft“ als sakrales Ereignis erlebbar zu machen. Dass Beifall am Schluss des Krippenspiels ein Hinweis darauf ist, dass der Zweck der Aufführung verfehlt wurde, ist wohl nur für die älteren Spieler nachvollziehbar.

Der weiter voranschreitende Abbau des Niederdeutschen lässt Schüler gelegentlich vor der Teilnahme zurückschrecken, denn in kaum einem Elternhaus wird diese Mundart noch gesprochen. Das zählt aber nicht mehr, hat man erst einmal den Weg zur Spielschar gefunden. Wer einmal dabei gewesen ist, kommt erfahrungsgemäß auch in den folgenden Jahren wieder, fragt meist schon nach den Sommerferien, wann denn die Probenzeit wieder beginne. Ihn hat die ernsthafte, zugleich jedoch auch ungezwungen fröhliche Arbeit der Gruppe gefangen genommen, die Freude, gemeinsam mit anderen zum Gelingen des Stücks beizutragen. Die Unkenntnis der „fremden Sprache“ bei den jüngeren wird durch die älteren Schüler überwunden, sie helfen bei Aussprache und Textverständnis. Zu den Proben gehört stets herzliches Lachen (nicht Auslachen!) über Versprecher und falsche Betonungen, wenn etwa „de Jung“ über das „himmlische Kind“ sagt:“Geboren vun een Jungfru fien!“ So ist es nicht verwunderlich, dass sich in der Spielschar Jahr für Jahr eine klassen- und jahrgangsübergreifende Gemeinschaft bildet, deren Zusammenhalt auch im allgemeinen Schulbetrieb nachwirkt. Neben der Probenarbeit ist es aber vor allem die unvergleichliche Atmosphäre während der Aufführungen in St. Aegidien, zumal die gespannte Stille im abgedunkelten Altarraum, welche sich beim „Gloria“ und „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ feierlich löst, die viele Schüler tief beeindruckt und an das Stück bindet. Oftmals bitten daher Ehemalige darum, die Chöre hinter der Bühne mitsingen zu dürfen.

Krippenspiel Bild Könige

Bei dem gelegentlich gehörten Einwand, es müsse doch langweilig sein, jedes Jahr das gleiche Stück zu spielen, wird gerade die Bedingung für die Langlebigkeit des Spiels verkannt. Denn die Tatsache, dass der Text seit Jahrzehnten unverändert gesprochen und gesungen wird, erhebt ihn für alle, die ihn kennen, zu einer gleichsam rituellen Form weihnachtlicher Wortverkündigung. Wer beobachtet hat, wie andächtig ältere Zuschauer im Publikum und junge Mitspieler hinter der Bühne den Wortlaut der einzelnen Rollen innerlich mitsprechen, weiß, dass das Krippenspiel für viele Lübecker ganz wesentlich zur Besinnung in der Adventszeit gehört. Zwar wird man bei unvoreingenommenem Hören einige für den heutigen Geschmack unpassende Bilder und unzeitgemäße Wendungen ausmachen, doch gehören sie einfach mit zu dem gediegenen Reiz des „olen Speels“ und ändern nichts daran, dass es Optimismus ausstrahlt und vielen in für sie schwerer Zeit Trost und Hoffnung zu geben vermag. Auch die Verwendung der Eintrittsgelder unterstreicht diesen Charakter des Stücks, denn seit 1976 wird der Erlös stets für die Aktion „Brot für die Welt“ gespendet.

Für die Spielschar wird die Wirkung des Stücks vor allem dann unmittelbar erfahrbar, wenn sie – und das nun schon seit vierzig Jahren –  ihre letzte Vorstellung im Heiligen-Geist-Hospital vor Mitbürgern gibt, die wegen Krankheit oder Gerechlichkeit nicht mehr in die Aegidienkirche kommen können. Der freudige Glanz in den Augen der Bewohner des Altenpflegeheims  nach der Aufführung, manch verstohlener Händedruck und das häufig geäußerte „Nu is Wiehnach!“ sind Dank genug für die jugendlichen Darsteller und lassen sie ahnen, welchen Wert ihr Einsatz für das Krippenspiel besitzt.

im November 2014

Jürgen Fick

 Jürgen Fick